Harald Specht: Liebe, Laster. Leidenschaft – Geheimnisse großer Gemälde

Harald Specht: Liebe, Laster, Leidenschaft, E. A. Seemann Verlag 2014, 29,95 Euro

Mit Gemälden verhält es sich wie mit Frauen: Ohne Geheimnis ist alle Schönheit schal. Und umgekehrt: Je größer ihr Geheimnis, umso anziehender erscheinen sie uns.

Das Phänomen verlangt nach einem Experten, der sich gut auf Geheimnisse versteht. Ein solcher ist der bereits durch zahlreiche Publikationen bekannt gewordene Köthener Buchautor Harald Specht. In seinem neuesten Buch mit dem Titel „Liebe, Laster, Leidenschaft“ rückt er dem „Geheimnis großer Gemälde“ auf den Leib bzw. auf die Leinwand. Nicht nur mit scharfem Blick fürs Filigrane, auch mit Winkelmessgerät, Röntgenstrahl und selbst modernster Elektronen-Synchroton-Technik – was aber noch wichtiger ist: mit einem breiten kulturgeschichtlichen Wissen.

Dabei erweist  sich immer wieder, dass das Geheimnis vieler Gemälde in erster Linie das Geheimnis der auf ihnen abgebildeten Modelle, also durchweg Frauen ist. So zum Beispiel im Fall der Mona Lisa des Leonardo da Vinci, der Specht ein sehr ausführliches Eröffnungskapitel gewidmet hat. Aus aktuellem Anlass, denn 2007 verkündeten die Medien, dass das Grab des mutmaßlichen Mona Lisa-Modells geöffnet worden sei. Zweck des Unternehmens sei es, die Frage der Identität der von da Vinci dargestellten Dame mit dem mysteriösen Lächeln definitiv zu klären.

Wem der Rummel um die Mona Lisa ein wenig zu laut ist, wird sich lieber in die stilleren Gemächer der von Specht präsentierten umfangreichen Gemäldegalerie verdrücken. Was dem Dichterwort folgend, für den männlichen Teil der Menschheit gelten soll, gilt auch und vor allem für Maler: Das „ewig Weibliche“ zog sie hinan – bisweilen freilich auch hinunter. Im Kapitel über das Frauenporträt des flämischen Malers Robert Campin („Ein gehörnter Bräutigam?“) lesen wir etwas über eine seltsame Ringspiegelung, die von einigen Experten als Selbstporträt des Malers interpretiert wird, der auf diese Weise eine illegitime Beziehung zu dargestellten Schönen bekundet haben soll. Und auch das den Umschlag des Buches zierende Bild eines unbekannten Meisters aus der Schule von Fontainebleau, auf dem unter anderem zwei zarte Frauenfinger eine ebenso zarte Brustwarze berühren, könnte uns möglicherweise etwas über menschliche Abgründe verraten – freilich ganz anderer Art, als prima facie zu vermuten ist. In diesen und anderen Zusammenhängen haben die drei L’s des Buchtitels, die von „Liebe Laster und Leidenschaft“ sprechen, jedenfalls ihre volle Berechtigung.

Weniger abgründig geht es auf dem stillen Porträt der Briefleserin von Jan Vermeer zu. Das Bild ist besonders deswegen aufschlussreich, weil es zeigt, dass die kleinen oder großen Gemäldegeheimnisse den meisten Malern keineswegs „einfach so“ aus dem Pinsel geflossen sind, sondern häufig ganz bewusst inszeniert wurden. In diesem Fall ließ Vermeer eine verräterische Cupido-Statue, die den Skopus des Gemäldes allzu deutlich hätte verraten können, einfach wieder hinter einem Vorhang aus grüner Farbe verschwinden.

Doch handelt das Buch nicht nur, wenn auch überwiegend, von weiblichen Modellen. Zehn Seiten sind Rembrandts bekannter „Nachtwache“ gewidmet, die erst jüngst als Kulisse für eine bedeutende Ansprache des amerikanischen Präsidenten an seine europäischen Verbündeten herhalten musste. Das auf dem Bild dargestellte Gruppenporträt eines Amsterdamer Schützenvereins mit Dame gilt vielfach als Symbol für die Verteidigung der Freiheit – jener Freiheit eben, die den US-Politikern, wenn man unserer Medienberichterstattung glauben darf, doch sehr am Herzen liegt. In Spechts Buch erfahren wir nun, dass bei der Entstehung des Bildes möglicherweise ganz andere Themen im Vorder- bzw. Hintergrund gestanden haben dürften. Um Möchtegerngrößen, niederländischen Mafiasumpf und einen heimtückischen Mordanschlag könnte es gegangen sein – um einen solchen freilich, der noch ganz reell mit einem Schießgewehr und nicht mit ferngesteuerten Drohnen verübt wurde.

Der Abschnitt über die „Nachtwache“ gehört bereits zu dem fünften und letzten Kapitel des Buches, worin Specht nicht nur „unsichtbare Linien“ sichtbar macht, sondern den Leser auch in die Mythen- Metaphern und Symbolkunde einführt und dabei zugleich den Raum für spannende kulturgeschichtliche Zusammenhänge öffnet. „Der geheimnisvolle Maler Nicolas Poussin“ hat es Specht besonders angetan. Kein Wunder, denn der mit allen Wassern der Gelehrsamkeit gewaschene Poussin bietet gelehrte Allegorien und geheimnisvolle Anspielungen zuhauf und in Fülle. Ob „Die Himmelfahrt der Jungfrau“ oder „Die Hirten von Arkadien“, dank der Hilfe des kundigen Führers gelingt es dem Leser, hinter der gefälligen Oberfläche in die tieferen geistigen Schichten dieser genial konzipierten Bilder einzudringen. Pythagoreismus, Neuplatonismus, Gnosis, Hermetik, antiker Mysterienglaube und Philosophie verbinden sich darin zu einem imponierenden Cocktail bildgewordener, uralter Weisheit.

In diesen Zusammenhang gehört auch die Zahl 72. Die Beschäftigung mit der okkulten Geometrie des 72° Winkels durchzieht die Komposition der letzten Buchkapitel wie ein mystischer Orgelpunkt. Das wirkt anregend und hat – ich bekenne es – auch mich dazu veranlasst, mein altes, schon etwas verkratztes Geodreieck aus der Schulzeit wieder hervorzuholen, um selber ein wenig auf diesem Gebiet herumzuexperimentieren. Meine Sorge ist, dass das Buch einen regelrechten Hype auslösen könnte, mit dem Ergebnis, dass Museumsbesucher vor dem Betreten der Galerie in Zukunft nach versteckten Winkelmessgeräten abgetastet werden müssen.

Und doch geht es in dem Buch natürlich nicht nur um das Vermessen unsichtbarer Winkel und Linien. Specht spricht nicht nur die Ratio, sondern auch das Herz des Kunstfreundes an. Meine eigenen Gefühle schwankten beim Lesen zwischen aufrichtiger Empörung über die rohe Behandlung, die sich viele Gemälde in ihrer Geschichte gefallen lassen musste (wenn sie in die Hände von Irren fielen, d.h. Steinewerfern, Säurespritzern, Messerstechern oder, schlimmer noch, Spekulanten), bis hin zu lebhaftem Amüsement über die von Specht genüsslich zitierten Fehlleistungen selbsternannter Kunstexperten. Unter ihnen der großdeutsche Philosoph Martin Heidegger, der besonderes Gefallen an van Goghs Schuhstillleben gefunden hatte und ein paar abgenutzte Ledertreter zum Vorwand nahm, um über das „klaglose Bangen um die Sicherheit des Brotes, die wortlose Freude des Wiederüberstehens der Not, das Beben in der Ankunft der Geburt und die Umdrohung des Todes“ zu schwadronieren. Die geschwollene Erklärung aus dem Geist von Blut-und-Boden sagt sicherlich mehr über den Erklärer als über das Bild, das er zu erklären vorgibt.

Und doch ist der Erkenntnisgewinn, wie gesagt, beträchtlich. Immer wieder kommt es zu befreienden Aha-Erlebnissen. Ungeduldige Leser seien allerdings gewarnt. Der Autor versteht sich meisterhaft darauf, seinen Leser bis zuletzt auf die Folter zu spannen. Dies und das ist noch „rasch erzählt“, bis er auf verschlungenen Pfaden zu des Rätsels Lösung gelangt und die Katze endlich aus dem Sack lässt.

Aufbau und Aufmachung des Buches müssen als rundum gelungen bezeichnet werden. Die Abbildungen der besprochenen Gemälde sind von hervorragender Qualität. Hier und da verdeutlichen hilfreiche Skizzen den Gemäldeaufbau. Zur Orientierung bietet ein kleines Farbkästchen kurzgefasste Informationen über das Person und Werk des jeweiligen Malers.

Über den Inhalt des Buches ist inzwischen genug gesagt worden. Da jedes weitere Wort einem Geheimnis-Verrat gleichkäme, will ich mich von nun an in Arkandisziplin üben und nur noch ein paar Vorschläge für mögliche Anwendungsfelder dieses gelungenen Werkes anfügen.

1) Wer von Berufs wegen dazu gehalten ist, ein kultur- und bildungsbeflissenes Publikum mit Vorträgen zu unterhalten, wird hier über die Maßen fündig werden. Das in diesem Buch präsentierte Material reicht für eine längere Vortragsreihe und wird jedes kunstinteressierte Publikum ansprechen.

2) Besucher von Galerien und Vernissagen, die bisher als fade Langeweiler oder Einfaltspinsel galten, werden nach der Lektüre des Buches zu geistreichen Kunstexperten aufblühen, mit ihrem Wissen glänzen und mühelos Trauben von aufmerksamen ZuhörerInnen um sich scharen. Versprochen. Als Eingangsformel empfehle ich: „Übrigens, wussten Sie schon?“

3) Auch dem angehenden oder bereits praktizierenden Kunstfälscher bietet das Buch von Specht gediegene Informationen. Besonders hilfreich der Abschnitt über die Pentimenti. Korrekturen während des Schaffensprozesses gelten bei vielen Kunstexperten als Hinweis auf Authentizität…

4) Schließlich eignet sich das schön gestaltete Buch ausgezeichnet zum Verschenken. In Zeiten der digitalen Entsinnnlichung bereitet ein so  schön gestaltetes Buch, das man in Händen halten, das man riechen und befühlen und in dem man blättern kann, ein analog-sinnliches Vergnügen.

Nun gut, das Beste ist immer noch, man schenkt es sich und liest es selber. Der Autor Harald Specht ist ein charmanter Plauderer, ein geistreicher Kunst- und Welterklärer, von dem man sich nach 221 ungemein anregenden Seiten nur ungern verabschiedet.

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