„Anstand“ – Campino und das Comeback eines Spießerbegriffs

Unmittelbar nach dem Krieg  hatte das Wort „Anstand“ unter den kritischeren Geistern eine eher schlechte Presse. Während CDU-Nachkriegspolitiker wie Adenauer auch weiterhin am  nationalsozialistischen Sprachgebrauch festhielten und  nicht nur den Soldaten der Wehrmacht, sondern auch den Mitgliedern der Waffen-SS  bescheinigten,  „anständige  Leute“ gewesen zu sein, war der Begriff, zumal bei jenen, die in der Nazi-Zeit Haft, Verfolgung und Schlimmeres erfahren mussten, gründlich desavouiert. Auch hallten die Sätze des Reichsführers-SS Heinrich Himmler noch in den Ohren. In seiner Posener Rede hatte der es als  ein „niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte“ bezeichnet, dass seine Soldaten den Anblick von 100, 500 und 1000 (exekutierten) Leichen „durchgehalten haben“ und „dabei anständig geblieben“ waren.

Kein Wunder also, dass der Begriff, zumal unter linken Intellektuellen, lange Zeit verpönt war. Abgesehen von allem anderen haftete ihm die satte moralische Selbstzufriedenheit des kleinbürgerlichen Milieus an, vielleicht auch die Erinnerung an Väter, die selbst vor drastischen Erziehungsmaßnahmen nicht zurückschreckten, um ihrem Nachwuchs „Anstand beizubringen“.

Wenn es richtig ist, was der österreichische Schriftsteller Ödön von Horváth in seinem Buch über den „ewigen Spießer“ sagt, wird dieser vor allem dadurch charakterisiert, dass er ohne nachzudenken, weiß, was gut und was böse ist. Für den „Spießer“ stellt  der Begriff „Anstand“ in der Tat eine ideale moralische Kategorie dar, da er von vornherein jede Reflexion und Diskussion ausschließt und statt einer Handlungsbegründung  auf das weist, was „man tut“ oder „man“ eben „nicht tut“. Sein Bezugspunkt ist die „öffentliche“ oder „veröffentlichte Meinung“, der Wunsch dazuzugehören oder die Angst vor Ausgrenzung, die menschliche Herde eben, der sich  der Spießer lemminghaft anschließt.

Sein erstes großes Revival erlebte der Begriff, als Kanzler Schröder nach dem Brandanschlag auf die Düsseldorfer Synagoge am 2. Oktober 2000 den „Aufstand der Anständigen“ ausrief. Das war gut gemeint, aber durchaus unreflektiert. Der Griff des Kanzlers in die kleinbürgerliche Klamottenkiste warf ein nicht uncharakteristisches Schlaglicht auf dessen eigene Mentalität und offenbarte einen erheblichen Mangel an Sprachsensibilität und Geschichtsbewusstsein.

„…alles, was normalen Anstand hat“

Symptomatisch für das inzwischen in der Bundesrepublik einsetzende, sich verflachende geistige Klima, ist, dass der Begriff „Anstand“ trotz seiner fragwürdigen Geschichte im Nationalsozialismus heute wieder Karriere macht und heute sogar bei den Linken angekommen ist. Auch ein Hinweis darauf,  dass deren populäre Vertreter häufig kaum noch über die notwendigen geistig-kritischen Ressourcen verfügen, um unabhängige System- oder Sprachkritik zu üben. Schon vor Chemnitz war in den Medien viel von „Anstand“, „Haltung“, „Gesicht zeigen“ etc.  die Rede, und zwar durchaus nur dann, wenn von gewalttätigen Übergriffen Rechter auf Ausländer die Rede war. Nach Chemnitz ist der „Aufstand der Anständigen“ erneut in aller Medienmunde. Der vom ehemaligen Punk zu Deutschlands moralischem  Gewissen der Nation aufgestiegene Campino stellte in einer Pressekonferenz vor dem Konzert fest: „Das ist ganz wesentlich, dass wir uns darüber im Klaren sind, dass es nicht um den Kampf links gegen rechts geht, sondern alles, was normalen Anstand hat.“

Die platte Unreflektiertheit und Ungeniertheit, mit der die Worte „normal“ und „Anstand“ ausgesprochen werden, hätte alten linken Denkern sicher die Schamesröte peinlicher Verlegenheit ins Gesicht getrieben. Tatsächlich scheinen sich diejenigen, die den „Aufstand der Anständigen“ beschwören, der Geschichte und Problematik des Begriffs kaum bewusst zu sein. Denn während er den einen das beruhigende Gefühl geben mag, zu dem moralisch wertvolleren Teil der Gesellschaft zu gehören  (getreu dem Motto Onkel Noltes aus Wilhelm Buschs „Frommer Helene“: „Ei da bin ich aber froh, denn Gott sei Dank ich bin nicht so“), führt er auf der anderen Seite zu einer geradezu manichäischen Spaltung der Gesellschaft in „Anständige“ und „Unanständige“, Gute und Böse. Wem es, aus welchen Gründen auch immer – sei es, dass er einfach zu bequem ist oder lieber Briefmarken sammelt, statt „Gesicht zu zeigen“ – nicht nach einem öffentlichen Bekenntnis seiner Gesinnung oder nach öffentlich bekundeter „Haltung“ gelüstet, macht sich rasch verdächtig. Er gerät unter Rechtfertigungsdruck oder muss im schlimmsten Fall mit sozialer Ächtung rechnen. Das war schon in DDR- („Sag‘ mir, wo Du stehst“) und erst recht zu Nazi-Zeiten so. Auch da wurde jeder, der sich dem öffentlichen Bekenntnis zu „Reich und Führer“ entzog, der Illoyalität verdächtigt, mit den bekannten Folgen für Karriere, Leib und Leben.

Im Namen des „Anstands“ – oder über den „Anstand“ der „Anständigen“

Tatsächlich werden unter Grünen und Linken auch heute wieder ganz offen und unreflektiert all die Maßnahmen und Mechanismen diskutiert, die damals darauf abzielten, Regimegegner  „Anstand zu lehren“. Im linksextremen Pendant zum  „Stürmer“, der „taz“, heißt es im Zusammenhang mit den Ereignissen auf der Frankfurter Buchmesse („Mit Nazis reden bringt nichts“): „Man muss sie (= die „Nazis“) deshalb sozial ächten. Bis sie sich nicht mehr trauen, auch nur zum Bäcker zu gehen.“ Wer Nazi ist, bestimmt selbstverständlich die taz.

Und natürlich gehören auch Boykottaufrufe  in diesen Kontext. Hieß es damals „Kauft nicht beim Juden“, fordert der Grünen-Funktionär Matthias Oomen via Twitter dazu auf, dass „man in Sachsen keinen Urlaub machen und auch sonst kein Geld ausgeben sollte“.   Den Leuten „Anstand beibringen“,  so könnte man hinzufügen, erledigen dann die mit staatlichen Geldern gefütterten Kämpfer gegen Rechts und deren gewalttätige Helfershelfer in der  Antifa.

Dabei ist man mit den Methoden nicht gerade kleinlich, wie überhaupt im „Kampf gegen Rechts“ auch die selbstdefinierten Anstandsgrenzen auf einmal ganz vergessen sind. Schon auf dem Konzert in Chemnitz glaubte manch ein verblüffter Zuschauer und Zuhörer seinen Ohren nicht zu trauen, als sich die Menge im Rhythmus zu Versen wie diesen bewegte:

„Ich ramm die Messerklinge in die Journalistenfresse.“ „Trete deiner Frau in den Bauch, fresse die Fehlgeburt.“

Oder:

 Ich schleich mich ein bei Sarrazins, 6 Uhr, alles pennt noch, Selbstmord-Attentat.

Gleichwohl waren sich die meisten Berichterstatter und Journalisten, die über das Konzert berichteten, sicher, dass es sich bei dem Konzert um ein Friedenskonzert, eine Art zweites Woodstock also, gehandelt habe. Von der Pastorin Rabe-Winnen erfuhren wir am vergangenen Samstag  im „Wort zum Sonntag“: All diese Menschen „waren dann friedlich bei Musik. In Chemnitz wurde wieder Mit-Menschlichkeit sichtbar.“ Von den eben zitierten Texten kein Wort. Die Pastorin weiß, dass sie auf der richtigen Seite steht. Und natürlich ist klar: Die mit dem Herz, der Mitmenschlichkeit, das sind wir, das ist sie, die mit der Hetze, der Menschenverachtung, das sind immer die anderen. – Auch ein Standpunkt, aber gewiss kein christlicher.

Bemerkenswert auch, dass die Süddeutsche Zeitung, die im August 2018 noch den „Anstand in der Sprache“ („Der neue Stil der Grünen“) beschwor, keinen Anstoß an dem Konzert in Chemnitz und den dort gesungenen Texten nahm. Ebenso der Bundespräsident, der gerade  vor der „Verrohung der Sprache“ gewarnt und zu mehr sprachlicher Disziplin gemahnt hatte, aber keine Probleme damit hat, seine segnende Hand über das Konzert zu halten  und die Ankündigung auf seiner Facebook-Seite zu verlinken. Auf eine Erklärung der Vorliebe des Präsidenten für linksextremistische Sudelverse wartet der ratlose Bürger bis heute vergebens. Glaubwürdigkeit und Seriosität sind eben nicht nur eine Sache des äußeren Auftretens oder der weißen Haare, sondern der inneren Haltung.

So zieht sich mit dem Begriff „Anstand“ eine gerade Linie urdeutscher Denke durch die Geschichte, und mit ihr eine Spur von Ausgrenzung und Diffamierung , aber auch Bigotterie  und Heuchelei.  Wer sein Weltbild aus den dumpfbackigen Hasstexten der in Chemnitz aufspielenden Bands bezieht, wird das nicht verstehen – es sei denn, er kennt außer Campino auch noch einen gewissen Herrn Kant, der einst, sozusagen „jenseits von Gut und Böse“, also jenseits aller Spießermoral formulierte:

Überhaupt ist Alles, was man Wohlanständigkeit …  nennt, …  nichts als schöner Schein . (Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, 1798. Erster Teil. Anthropologische Didaktik)

 

 

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