„… weder freien, noch sich freien lassen“ – Antoinette de Bourignon, Jane Leade, Ann Lee und die Shaker

Geblieben sind vor allem die Möbel: schlichte trestle table oder worktable, mit den in Gussgabeln geführten Rollen, der salem rocker, Archetyp aller Schaukelstühle, gediegene Bettgestelle, die an der Wand entlanglaufende hölzerne Hakenleiste mit den wood pegs, dazu die praktischen oval boxes, Spanholzschachteln in allen Größen – alles  minimalistisch, asketisch karg, functional, unadorned and beautiful, fast wie eine Vorwegnahme des Bauhausstils, aber nicht so prosaisch, nicht ohne göttliche Poesie. Sie alle tragen das Gütesiegel: Shaker-made.

Aber das sind Möbel und das ist Form. Der Geist, der das Mobiliar einst beseelte und der spröden Form spirituellen Sinn gab, ist nicht mehr.  Er hat sich aus dieser Welt, die ihn nie mochte und die ihm nie gefiel, davon geschlichen. Tische, Stühle, Betten wurden gegen ihre einstige Bestimmung zu teuren Trend- und Luxusobjekten und stehen in den Schaufenstern exklusiver Möbelgeschäfte wie verwaist oder wie Propheten, deren Sprache niemand mehr versteht. Auf den Tischen stehen Delikatessen, für die sie nie entworfen wurden,  auf den Stühlen erholen sich Präsidenten zwischen ihren Kriegen, und in den Betten …

Shakers, Zimmer in Metropolitan Museum of Art Von Velvet - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=19729158
Shaker, Zimmer in Metropolitan Museum of Art Von Velvet – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0 https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=19729158

Dort, wo diese Möbel einst entstanden, sind heute die meisten Häuser leer. Aus den einstigen Siedlungen mit den reinlichen Plätzen –  there is no dirt in heaven – und den großen Häusern, den leuchtenden weiße Chiffren eines Lebens in Purity und Simplicity, sind Museumsdörfer  geworden, in denen sich Touristen mit Hamburgern, Cola und fettigen Fingern tummeln. Hier und da fällt der Blick noch auf ein paar gerahmte, alte Schwarz-Weiß-Photos ihrer früheren Bewohner. Gruppenbilder mit Shakerbrüdern und –schwestern. Schöne und hässliche Frauen, junge und alte, mit keusch gesenkten Lidern oder offenem klaren Blick, und alle im Apron front dress mit cap und großen blütenweißen, die Brust bedeckendem, züchtigen collar.

Aber auch diese Bilder bleiben letztlich stumm.  Wer den Geist des Shakerismus sucht, muss in literarischen Hinterlassenschaften,  den alten Manuskripten und Gesangbüchern blättern. Dort weht er ihm, zumal in den Gemeinschaftsliedern und Hymnen, bisweilen melancholisch entgegen:

Clouds of darkness have surrounded
Ruling men, and Princes too,
All their wisdom is confounded,
And they know not what to do:
All the world is in commotion,
Judgments rolling like a flood,
Men upon the land and ocean,
Learning war and shedding blood.

But the saints with Christ have risen,
And are walking in the light,
Loosed from that gloomy prison,
Where the raging nations fight:
We have found the best employment
That the world can ever find,
Living in the full enjoyment
Of our faith, and peace of mind.

Die das einst sangen, waren der Welt  wirklich abhanden gekommen. Weltlich gesehen so tot, dass man sie in einigen amerikanischen Bundesstaaten aus den Einwohnerlisten gestrichen hatte. Sie wurden nirgendwo vermisst. Aber auch das Umgekehrte kam wohl vor. Wer die Shaker-Siedlungen verließ, war, wie die Shaker-Annalen vermerkten, von nun an „left to the world“, und das war auch so gut wie tot, nur eben andersherum.

Der Shakerismus wurde zu Beginn des 18. Jahrhundert aus dem Geist des europäischen Pietismus geboren. Man lebte im Bewusstsein einer Zeitenwende, vielfach, wie so oft in religiösen Umbruchzeiten, auch in der unmittelbaren Erwartung des anbrechenden Gottesreiches, dessen Ankunft man durch Heiligung des Lebens noch beschleunigen zu können glaubte.

Die urchristlichen Ideale von Gleichheit und Geschwisterlichkeit waren wieder neu entdeckt worden und sollten in kleinen Konventikeln und religiösen Zirkeln in die Praxis umgesetzt werden.

Die Konzentration auf das persönliche Erweckungserlebnis, die „Wiedergeburt“, das „Durchdrungenwerden“  hatte Vorrang vor allem anderen. Alles, was ihnen nicht unmittelbar untergeordnet war, galt als bloße Zerstreuung, als eitle Spielerei und Vergeudung der von Gott geschenkten Lebenszeit.

Das offizielle Kirchenchristentum wurde verächtlich als „Mauerchristentum“ abgetan, der tote Buchstabenglaube der Orthodoxie hatte ausgedient. Man suchte Gott im Geist und in der Wahrheit – und in seinem eigenen Innern. Es war dies die  Stunde der „Seher, Grübler und Enthusiasten“. Die Epoche war geschwängert mit mystischen Gedanken, die bis dahin immer nur irrlichternd an den häretischen Rändern des Christentums aufgeleuchtet waren.

Jacob Böhme und die Jungfrau Sophia

Böhmes Schuhmacherwerkstatt in Görlitz - Foto: Dr. Hermann Detering
Böhmes Schuhmacherwerkstatt in Görlitz – Foto: Dr. Hermann Detering

Vor allem die Schriften des Görlitzer Schuhmachers und Mystikers Jacob Böhme (1575-1624) wirkten als geistliches Stimulanz. Ihnen entnahm man den schon bei Plato, der Hermetik und der jüdischen Kabbala begegnenden Gedanken des doppelgeschlechtlichen Urmenschen. Auch die aus der östlichen Kirche und der Gnosis bekannte und von den Protestanten bis dahin völlig ignorierte Jungfrau Sophia feiert bei Böhme fröhliche Urständ. Der Autor Thomas Schipflinger hat Böhme in seinem Buch „Maria-Sophia“ als „Vater der westlichen Sophia-Lehre“ bezeichnet. Tatsächlich nimmt die Sophiologie bei Böhme einen sehr breiten  Raum ein.  Doch vertritt der schlesische Mystiker gegenüber der Tradition eine ganz eigenständige Position. Urmenschgedanke und Sophia-Lehre werden bei ihm auf originelle Weise miteinander verknüpft.  „Adam“ so Böhme, „war ein Mann und auch ein Weib, und doch der keines, sondern eine Jungfrau, voller Keuschheit, Zucht und Reinigkeit, als das Bild Gottes“. Und wie es von den Engeln in  Matthäus 22,30 heißt, dass sie „weder freien, noch sich freien lassen“, so war auch dieser jungfräuliche Mensch im schönen „paradeisischen Rosen- und Lustgarten“ so vollkommen, dass er nur sich selber liebte.[1]

Das Hohelied der jungfräulichen Seele ist wieder einmal mit einer unterschwelligen Herabsetzung der real existierenden Frau verbunden, die mit Sündenfall und Sexualität assoziiert wird.

Durch den Sündenfall soll Adam allerdings die ursprunghafte Jungfräulichkeit seiner Seele verloren haben. Als diese im Himmel entschwand, erhielt er dafür – sozusagen durch Zellteilung – einen schlechten Ersatz: Eva, das Weib: „Adam hat durch seine Lust verloren die Jungfrau, und hat in seiner Lust empfangen das Weib, welche ist eine cagastrische (d.h. Tod und Verderben mit sich bringende) Person.“ Denn „die Heva ist zu diesem zerbrechlichen Leben geschaffen worden; denn sie ist die Frau dieser Welt.“

Eva als „Frau dieser Welt“ – wir kennen diese Gleichsetzung von Weib und Welt und Welt und Weib schon aus anderen Zusammenhängen. Das Hohelied der jungfräulichen Seele ist wieder einmal mit einer unterschwelligen Herabsetzung der real existierenden Frau verbunden, die mit Sündenfall und Sexualität assoziiert wird.

Obwohl Böhme dem weiblichen Aspekt der Gottheit in seinem Werk viel Platz einräumt,  dürfte es nicht ganz leicht sein, in ihm einen Wegbereiter der feministischen Theologie zu sehen. Das Sophianische ist bei Böhme nur dem Namen nach weiblich. Der mystische Erlösungsweg führt letztlich über die Aufhebung des Dualismus von Mann und Frau zur Wiederherstellung des ursprünglichen  vorparadiesischen Zustands, als Adam noch „eine Jungfrau“ war, „voller Keuschheit, Zucht und Reinigkeit, als das Bild Gottes.“ Dieser vorparadiesische Mensch soll in der Erscheinung des zweiten Adam, also in Christus, Mensch geworden sein. Böhme sieht in ihm einen androgynen Jungfrauen-Jüngling und das Bild der vollkommenen Persönlichkeit.

Mit Böhmes mystischer Intuition des Androgynen ging, wie die Ausdrucksweise zeigt,  eine Tendenz zum Asexuellen einher, die vor allem in der  Folgezeit Wirkung zeigen sollte. Wer nach Böhme von Sophia sprach, meinte häufig nichts anderes als eine bewusste Abkehr von der reformatorischen Wertschätzung der Ehe zugunsten des altkirchlichen Virginitäts- und Keuschheitsideals.

Man kann das am Werk des Böhme-Verehrers Gottfried Arnold beobachten, der nach seiner Unparteyischen Kirchen- und Ketzerhistorie, worin er die kirchlichen Ketzer rehabilitierte, im Jahre 1700 ein Büchlein über Das Geheimnis der göttlichen Sophia folgen ließ. Arnold spricht im Anschluss an Böhme viel von der geistlichen Hochzeit und der Vereinigung der wahren Gläubigen mit der heiligen Sophia, für die er – ganz unreformatorisch – geschlechtliche Enthaltsamkeit verlangt. „Und wer einmal“, so Arnold, „ einen geschmack von der herzlichkeit dieser seiner braut in sich selbst genossen hat / dem wird das andere alles zu eckel und koth / die vernunfft heisse es auch noch so heilig und rein…“ So möge sich denn jeder ernste Gläubige darüber im Klaren sein, „daß er mit einer fleischlichen verbindung zugleich / sich der reinen himmlischen vereinigung mit Sophia allerdings selbst beraube / und so lange derselben entbehren werde müssen / als er sich nicht um des himmelreichs willen beschneidet.“ [2]

Eine Ironie des Schicksals wollte es, dass der stolze Mysticus und Geistesmensch Arnold, der die „fleischliche Verbindung“ eben noch als „eckel und koth“  abgetan hatte, sich schon wenig später in die die hübsche Tochter des Superintendenten der kleinen Hansestadt Werben an der Elbe verliebte und ein Jahr nach Erscheinen seines Buches heiratete.[3] Gleichwohl  steht der Fall exemplarisch für die im Pietismus weit verbreitete negative Einschätzung zu Ehe und Sexualität, die zuweilen in Prüderie oder auch offene Ablehnung des Ehestandes umschlagen konnte, so z.B. beim Herausgeber Böhmes, Johann Georg Gichtel (1638-1710), der seinen Grundsätzen im Gegensatz zu Arnold allerdings zeitlebens treu blieb und darauf beharrte: „Das Verlöbnis mit der himmlischen Sophia schließt jede Verbindung mit einer irdischen Eva aus.“[4]

Antoinette de Bourignon

Bildnis von Antoinette de Bourignon - Stabi Hamburg
Bildnis von Antoinette de Bourignon (Kupferstich) – Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky

Eine der ersten Frauen, die sich von Böhme inspirieren ließ, war die belgische Visionärin Antoinette de Bourignon (1616-1680).  Auch wenn die Charismatikerin den Schriften des schlesischen Mystikers – wie jeder Art Literatur, die Bibel eingeschlossen[5] – teilweise recht kritisch oder gar ablehnend gegenüberstand, ist doch nicht  zu übersehen, dass  zumal die Konzeption des androgynen Urmenschen bei ihr Eindruck hinterlassen hatte.[6]  Adam, so Bourignon, sei „als Mann und Frau geschaffen und hatte beide Naturen in sich, so daß er auch der vollkommene Mensch genannt wird“. Dabei stellt sich Antoinette de Bourignon Adams Gestalt weniger wie einen Menschen aus Fleisch und Blut, sondern wie ein  kostbares Schmuckstück aus einem Juwelierladen vor: „Seine Haut wie Muscoviter Glas; sein Fleisch wie Kristall; seine Adem wie Ströme von Rubinen; seine Tränen wie Diamanten;   seine Exkremente, alle inneren und äußeren Körperteile, seine Knochen, Muskeln, Sehnen, Eingeweide, alles so strahlend und kunstvoll geformt…“[7]

Auch sei die Ehe Adams mit Eva ursprünglich rein seraphischer  Art gewesen. Erst der Sündenfall habe den Körper verfaulen lassen, so dass sich ein Gestank über die Menschheit ausbreitete und die Natur ganz und gar lasterhaft, schmutzig, finster und in jeder Hinsicht verunstaltet wurde, umgeben von einer groben Kruste der Verunreinigung, die wir nun mit uns herumtragen. [8]

Unübersehbar spricht aus diesen Sätzen ein tiefer Widerwille, eine tiefe Abscheu vor allem Körperlichem, die eng mit  einer Ablehnung von Sexualität und Ehe einhergeht. In der Tat ist das bei Madame de Bourignon nicht anders. Schon als Jugendliche entfährt ihr der Stoßseufzer „Mein Gott, mein Gott, gieb, dass ich niemals mich verheirate.“[9] Aufdringliche Bewerber werden abgewiesen oder ihnen wird durch gerichtlichen Beschluss verboten, ihre Wohnung zu betreten.[10]  Als die Eltern sie gegen ihren Willen verheiraten wollen, flieht sie in Männerkleidern.[11] Am liebsten wäre sie schon als Kind in ein Kloster eingetreten, doch ihr Vater konnte sich für derlei Pläne nicht erwärmen. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum Böhmes Gedanken bei ihr auf offene Ohren stoßen mussten: „Ich warte auf die Zeit, in der man sich nicht mehr verheiratet und in der man von dem schweren Joch, sich zu vermehren, befreit ist wie die Engel und zu einem ewigen Geschlecht gehört. Das wird im Reiche ]esu Christi sein.“[12]  Der Mythos vom androgynen Urmenschen ist  für Antoinette de Bourignon kein Märchen aus uralten Zeiten, sondern Verheißung eines zukünftigen, durch Christus herbeigeführten Weltzustandes, in dem sich ihr persönlicher Traum eines Lebens ohne Ehe, ohne Sex realisiert.

Angesichts ihrer problematischen Einstellung zum Körper versteht sich auch, dass der traditionelle christliche Glaubensartikel von der Auferstehung des Fleisches für sie nicht bedeuten kann, „dass die Schwere, Festigkeit und Dunkelheit unseres Fleisches auferstehen wird …  oder daß das, was verfault ist, wieder lebendig wird…“, sondern, „daß die ursprüngliche Herrlichkeit des Menschen wiederhergestellt wird.“[13]

Das Ende der Welt und die Erneuerung der weltlichen Zustände im Geiste des Evangeliums der Reinheit und Keuschheit wurden von Antoinette Bourignon für die unmittelbare Zukunft erwartet. Hunger, Kriege, Pest galten als Vorzeichen der bevorstehenden Apokalypse. Das verfasste Kirchentum, der traditionelle Gottesdienst und die Sakramente hatten ausgedient. Jetzt taten Buße und Abkehr vom alten Äon not.

Die einfachste Weise, ungewöhnliches oder abweichendes Verhalten einer Frau zu erklären, ist immer noch, es aus ihrer Physis abzuleiten und zu behaupten, die Betreffende habe keinen Mann abbekommen

Zur frommen Weltentsagung musste der Mensch nach Antoinette Bourignon drei Brücken zur Ewigkeit passieren: die Welt, die irdischen Güter und den eigenen Willen. Dass dies die sexuelle Enthaltung einschloss, die sie selber lebte aber auch ihren Anhängern und Anhängerinnen, mit denen sie quer durch Europa reiste, dringend anempfahl, braucht kaum noch eigens erwähnt zu werden. Man behauptete, sie habe die Gabe „transitiver Keuschheit“ besessen – manchmal ist auch von der „Gabe des Gefrierens“ (Infrigidation) die Rede – , d.h. man glaubte, sie habe ihren Anhängern sexuelle  Enthaltsamkeit allein aufgrund des bloßen Anblicks mitteilen können. So etwas soll es geben, meinten böse Zungen, und ergänzten, dass wohl ihre Hässlichkeit das Aufkommen lüsterner Regungen im Keim ersticken musste.[14] In der Tat wird überliefert, dass  die Bourignon bei der Geburt wie ein monströser Wechselbalg ausgesehen haben soll: die Stirn war bis zu den Augen mit schwarzen Haaren bedeckt, die Oberlippe an der Nase festgewachsen, so dass der Mund offenstand. Erst eine Operation soll eine vorteilhaftere Veränderung ihres Aussehens  bewirkt haben.[15] Da andererseits bereits  festgestellt wurde, dass es Antoinette Bourignon gleichwohl nie an glühenden Verehrern gefehlt hat, könnte der Hinweis auf die angebliche Hässlichkeit der Prophetin aber auch dem Repertoire typisch männlicher Verunglimpfungen entstammen. Man kennt das aus der Feminismusdiskussion: Die einfachste Weise, ungewöhnliches oder abweichendes Verhalten einer Frau zu erklären, ist immer noch, es aus ihrer Physis abzuleiten und zu behaupten, die Betreffende habe keinen Mann abbekommen. Bei Antoinette Bourignon kann davon jedoch keine Rede sein. Sie wollte nicht. Ganz und gar nicht.

Zur sexuellen Enthaltung gesellen sich bei Antoinette de Bourignon ungewöhnliche asketische Praktiken, die offenbar  mit viel  Fantasie und Liebe zum Detail erdacht wurden: Madame trägt ein nie abgelegtes Hemd aus Rosshaar, verunreinigt ihre Speisen – wie schon Franz von Assisi – mit Asche oder anderen ungenießbaren Zutaten und schläft in einer Höhle mit einem Sarg als Bettstelle und einem Stein als Bettkissen. „Gepolter und Schreckbilder des Teufels“ – wie beim Heiligen Antonius und seinen Wüstenbrüdern – sollen auch nicht gefehlt haben. [16]

Überhaupt sind die Sinne und die sinnlichen Wahrnehmungen für Madame Bourignon die Erzfeinde der Seele: „Wenn ein Mensch seine Neigung im Sehen, Riechen, Hören, Schmecken  und Fühlen erweist, dann liebt er etwas anders als Gott.“[17] Wir kennen diesen Gedanken schon von Augustin. Tatsächlich weiß sich Antoinette de Bourignon mit diesem Kirchenvater, der ihr schon früh in einer Vision erschien, auch ganz besonders eng verbunden.

Bei ihren Anhängern genoss die Bourignon aufgrund ihrer starken charismatischen Ausstrahlung  eine Autorität ohnegleichen.  Die meisten Prädikate, mit denen man sie verehrte, stammten größtenteils von ihr selber: „Mutter der wahren Christen“[18], „Braut Christi“, „neue Eva“, „Stimme Gottes“, „vierte Person der Gottheit“,  oder „Same des Weibes“ waren nur einige von ihnen.  In Anspielung auf ihr Werk „Das Licht der Welt“ (1667) bezeichnete sie der Chiliast Petrus Serrarius als „göttliches Licht“.  Und anderswo heißt es: „Sie ist die göttliche Sonne der Rechtschaffenheit; sie ist Wahrheit, reine Wahrheit und die einzige Wahrheit, die zum Himmel und zum ewigen Leben führen kann.“[19]  Auch identifizierten sie ihre Anhänger mit der Gestalt des schwangeren Weibes in der Apokalypse.[20]  Nach eigenem Selbstverständnis soll sie ihre geistlichen Kinder wie eine spirituelle Mutter  unter Wehen geboren haben. Und wie ein weiser Guru von Zeit zu Zeit auf Distanz geht, um die Aufmerksamkeit der ihm anvertrauten Adepten wieder von sich auf den eigentlichen spirituellen Mittelpunkt zu lenken, floh auch Antoinette Bourignon bisweilen die Nähe ihrer Verehrer und Verehrerinnen, um für nur noch brieflich mit ihren „Kindern“ zu kommunizieren.

Manche Historiker wundern sich über die „Herrschsucht und den Doktrinarismus“, den Madame Bourignon als Gemeindeleiterin zuweilen an den Tag legte. Beide seien, wie es heißt, „bei geistig tätigen Frauen nicht selten“.[21]  Das mag richtig sein. Allerdings ist zu bedenken, dass derlei Eigenschaften auch bei „geistig tätigen Männern“ vorkommen sollen und dort von den meisten männlichen Kommentatoren nicht nur nicht beanstandet, sondern in der Regel sogar rühmend hervorgehoben  werden.

Während die Anhängerschaft ihre  Prophetin wie ein göttliches Wesen verehrte, wurde sie von der Umwelt, zumal den offiziellen kirchlichen und obrigkeitlichen Organen, denen sie Untergang und Gericht angekündigt hatte,  unnachgiebig verfolgt.  Der Vorwurf, sie sei eine falsche Prophetin und Hexe, begleitete Antoinette de Bourignon wie ein dunkler Schatten von  Ort zu Ort  und ließ sie nirgendwo zur Ruhe kommen. Natürlich sind die meisten Anklagen, wie zum Beispiel, sie habe ihre Gestalt ausdehnen und wieder zusammenziehen können, an den Haaren herbeigezogen. Richtig ist allerdings, dass es im Zusammenhang mit der Leitung eines Armenhauses für minderjährige Mädchen, die sie 1653 übernommen hatte, zu einigen rätselhaften Vorfällen kam. Man behauptete, die Mädchen des Armenhauses hätten einen Bund mit dem Teufel geschlossen, hätten sich zu nächtlicher Luftfahrt, Hexensabbat und Hexentanz  versammelt, Satan habe sich in- oder subkubisch höchstpersönlich mit ihnen vereinigt, das Brot sei im Ofen, das Fleisch im Topf verzaubert worden, im Arbeitszimmer sei ein Regenschauer herniedergegangen, in den Betten der Mädchen sei Kuhmist und anderer Unflat gefunden worden usw. Die Mädchen ihrerseits bezichtigten die Bourignon der Hexerei. Die Sache kam vor Gericht und es stellte sich heraus, dass sich die Leiterin des Hauses wohl mit allzu strenger Hand vorgegangen war. Rigide Bestrafungen soll sie den Mädchen auferlegt und ihre Ängste durch fantastisch-drastische Ausmalung der Höllenstrafen ins Unermessliche gesteigert haben. Dies vermutlich auch der Grund, warum die gereizte Fantasie mit den Mädchen am Ende durchging. Die gestrenge Armenhausleiterin konnte sich ihrer Bestrafung durch Flucht entziehen.

Jane Leade

Dank der Übersetzungen des englischen Geistlichen  John Pordage (1607–1681) blieb die Sophia-Lehre Jacob Böhmes den frommen Kreisen Englands nicht unbekannt. Um Pordage bildete sich ein Kreis von Anhängern, die sogenannten English Behemists, zu  denen die Visionärin und Verfasserin zahlreicher mystischer Schriften, Jane Leade (1623-1704), gehörte.

Ich habe einen andern Tanz…

Schon früh war dem nachdenklichen und zur Melancholie neigenden Mädchen seine geistliche Berufung offenbart worden. Mit sechzehn Jahren hatte es  während eines Weihnachtsfestes, das im Hause  ihrer Eltern nach damals üblicher Art in ausgelassener Fröhlichkeit gefeiert wurde, eine Art Vanitas vanitatum-Erlebnis.  Während die Blicke des jungen Mädchens noch auf den tanzenden Paaren weilten, soll ihr eine leise wispernde Stimme die Nichtigkeit allen irdischen Treibens kundgetan haben: „Ich habe einen andern Tanz, daran ich dich führen will, denn dieses ist Eitelkeit.“[22]

Im 19. Lebensjahr empfing Lady Jane  ihre erste Vision, die ihren langjährigen Gewissenskampf (wegen einer harmlosen Lüge)  vorerst beendete. Der elterlichen Auswahl des Bräutigams widersetzte sie sich, da die ihr vorgeschlagene Person, wie sie sagte, nur „auf das Auswendige“ sehe, während sie sich als „Braut Christi“ nach der Herzensbindung mit einem Mann sehnte, mit dem sie in Christo eins sein könne. [23] Geeigneter erschien ihr der Kusenk mütterlicherseits, William Lead, den sie 1644 heiratete. Allerdings verstarb William bereits nach 27 Ehejahren, was Lady Jane, die sich damals im 49. Lebensjahr befand, dazu veranlasste, ihre Kontakte, die sie zu dieser Zeit mit der dem Fortschritt der Frömmigkeit und der Göttlichen Philosophie gewidmeten Philadelphischen Gesellschaft des John Pordage unterhielt, weiter zu verstärken. Nach eigenen Worten hatte sie nun „die völlige Freiheit, sich zu dieser heiligen Einweihung und Absonderung zu begeben und gänzlich aufzuopfern, indem sie ausserordentliche Gnadenbesuchungen der himmlischen Kräfte empfand.“[24]

Bestärkt wurde sie in ihrem Entschluss noch durch eine Vision, die ihr im Jahr 1670 zuteil wurde. Darin erschien ihr erstmals in Gestalt eines Weibes jene himmlische Macht, die im Kreise des Böhme-Übersetzers Poradge gewiss schon lange Gegenstand der Gespräche gewesen war: die himmlische Weisheit.  Eine helle Wolke, so Leade, habe sie überschüttet, darin habe sie das Abbild einer Frau geschaut, „mit durchscheinendem Golde auf’s köstlichste  geziert und geschmückt.  Ihr Haar hing über die Schulter hinab, und ihr Angesicht leuchtete wie ein hell blinkender Kristall, ihre Augen waren lieblich und gütig. Mein Entsetzen über dieses Gesichte wurden durch die Stimme unterbrochen: ‚Siehe ich bin Gottes ewige Jungfrau, die Weisheit, die du gesucht hast.  Ich will dir die Schätze der großen Weisheit Gottes  entsiegeln und dir … eine wahre natürliche Mutter sein, aus meinem Leibe und Bährmutter sollst du auf Art eines Geistes ausgeboren, empfangen und wiedergeboren werden.’“[25]  Der Visionärin verheißt die Weisheit,  sie auch weiterhin mit ihren Offenbarungen zu begleiten und dabei zu ergänzen, was an Christi „noch hinterstellig ist“ – was dann auch geschieht.[26] Ebenso wie Mose oder die alttestamentlichen Propheten will Lady Jane – allerdings durch Vermittlung ihrer himmlischen Jungfrau und Mutter – von Gott Gebote, gesetzliche Erlasse, Prophezeiungen, Weissagungen, Gesichte etc. erhalten haben, deren akribische  Beschreibung ganze Bücher füllen und von den Mitgliedern der Philadelphischen Gesellschaft zum Teil als autoritativ angesehen wurden.

Die in unserem Zusammenhang wichtigste Vision bezieht sich auf  die von den philadelphischen Chiliasten in der nächsten Zukunft, von vielen um die Jahrhundertwende erwartete Ankunft einer weiblichen Erlösergestalt, durch die das durch Christus geschehene Heil „ergäntzet“ werden soll.[27] Hierbei soll es sich um die „Stellverweserin jehner Jungfräulichen Mutter“ handeln, „die in denen Himmeln gesehen wurde: Denn eine solche muß in den letztern Alter der Zeit im Leibe und der Behrmutter Even auferwecket werden/ dero verlohrne Jungfräuuliche Natur durch dis Fräulein/ zur Fortpflantzung eines Geistlichen Geschlechts muß wiedergebracht werden.“

Es ist unschwer zu erkennen, dass die „Stellverweserin“, die – ähnlich wie bei der Bourignon – zugleich mit der apokalyptischen Jungfrau von Apk 12, dem mit der Sonne bekleideten, gebärenden Weib, identifiziert wird, eine Art Stellvertreterin der himmlischen Weisheit ist. Böhmische Sophia-Lehre und chiliastische Endzeiterwartung werden  miteinander zu einem seltsamen Amalgam verschmolzen, dem eine starke asketische Tendenz eignet, geht es doch dabei um die Wiederherstellung eines asexuellen Urzustands und um die ‚Fortpflanzung eines Geistlichen Geschlechts’.[28]

Ann Lee

Mother Ann Lee
Mother Ann Lee

Mit diesen teilweise recht verworrenen Vorstellungen von einer bald bevorstehenden Zeitenwende und dem Beginn eines neuen Äons unter der Herrschaft der Jungfrau,  die wir mit Rücksicht auf den in folgerichtigen, logischen Kategorien denkenden Leser an dieser Stelle nicht weiter ausführen wollen, befinden wir uns bereits bei den Shakern und ihrer wichtigsten Repräsentantin Ann Lee (1736-1784).  Denn auch die Shaker und Ann Lee sind Vertreter einer Sophiologie, auch sie sind erfüllt von chiliastischen Hoffnungen und auch sie glauben an die Wiederherstellung eines asexuellen Urzustandes der Menschheit, nur dass sich das, was für Lady Jane offenbar noch Zukunftsmusik war, für sie bereits in der Gegenwart erfüllt hatte.[29] Die Verheißung der „Fortpflanzung eines Geistlichen Geschlechts“ wurde von ihnen konsequent in die Realität umgesetzt.

Im Vergleich  mit den vorher erwähnten beiden Prophetinnen und Visionärinnen war Ann Lee zweifellos am unbedarftesten. Als underdog in einfachen Verhältnissen großgeworden, anfangs Textilarbeiterin, später Krankenhausköchin, war und blieb sie Analphabetin von der Wiege bis zur Bahre.  Literarische Hinterlassenschaft suchen wir bei ihr vergebens. Die Überlieferung besteht in erster Linie aus einer Art Sammlung von Aussprüchen, die oft mit der Wendung „Mother Ann said“  eingeleitet werden. Ihre religiöses Weltbild muss sie sich durch aufmerksames Zu- und Hineinhören in die geistlichen Debatten ihrer religiösen Umwelt angeeignet haben. Daran, dass zwischen ihr und den Philadelphiern ein Zusammenhang im Sinne einer geistesgeschichtlichen Abhängigkeit bestand, kann indessen kein Zweifel bestehen.[30]

Originalität kann Ann Lee gegenüber ihren Vorgängerinnen allerdings in einer Hinsicht beanspruchen: Das von ihr propagierte und in der Gemeinschaft der Shaker konsequent verwirklichte rigide Verbot von Ehe und Sexualität  steht in der Geschichte der Neuzeit einzigartig da.  Eine Gemeinschaft wie die Shaker hat es hier weder vorher  noch nachher gegeben, auch wenn, wie wir gesehen haben, viele Ansätze dazu bereits im 16. und 17. Jahrhundert vorhanden waren und teilweise sogar umgesetzt wurden.

Die sexuelle Aversion schien bei Ann Lee schon recht früh ausgeprägt und offenbar bereits vor ihrer eingehenderen Beschäftigung mit religiösen Themen angelegt gewesen zu sein. Schon als Kind soll sie ihrer Mutter Vorhaltungen gemacht und versucht haben, ihr den ehelichen Verkehr zu wehren, der den Kindern, die gewöhnlich mit den Eltern in einem Raum schliefen, nicht verborgen bleiben konnte. Der Vater, der wohl um das bangte, was er für sein ureigenes Recht als Ehemann hielt,  wollte  sie mit der Rute strafen, was ihm jedoch nicht gelang, da seine Tochter  in die schützenden Arme der Mutter floh. Man braucht nicht viel psychologische Kenntnisse, um zu begreifen, dass die frühen kindlichen Erfahrungen offenbar einen erheblichen Anteil an der Entstehung des späteren Gottesbildes der Ann Lee hatte, denn dieses besaß sehr stark ausgeprägten weibliche Züge. Wenn der im Zusammenhang mit Ann Lee gern zitierte Theodore Parkers später von Gott als der  „unfinite Mother“, die uns in ihren Armen hält, spricht, so ist  dies zugleich auch einer der Hauptartikel ihres Glaubensbekenntnisses.

Dass Ann Lee angesichts ihrer Einstellung zur Sexualität überhaupt heiratete (1762), war wohl der gesellschaftlichen Konvention und dem Druck geschuldet, den das Elternhaus  auf sie ausübte. Die Ehe mit  Abraham Stanley, einem offenbar recht grobschlächtigen, dem Dämon Alkohol zugeneigten Hufschmied aus der Schmiedewerkstatt ihres Vaters, verlief nicht besonders glücklich. Das ist verständlich, wenn man bedenkt, dass offenbar zwei ganz unterschiedliche Erwartungen und Sichtweisen der Ehe aufeinanderprallten.   Hinzu kam, dass  Ann Lee alle vier Kinder schon bei der Geburt oder unmittelbar danach wieder verlor. Vor allem die Geburt des letzten Kindes war für sie ein traumatisches Erlebnis. Das Kind wurde unter dramatischen Umständen mit der Zange zur Welt gebracht, die Mutter  versank darauf für mehrere Tage im Koma und galt bereits als tot. Die Ereignisse hatten Ann Lee, die danach wieder in das elterliche Haus zurückkehrte, in eine schwere Krise gestürzt. Tiefes Sündenbewusstsein erfüllte sie; in manchen Augenblicken, so sagte sie später, sei ihr zumute gewesen, als würde das Fleisch auf ihren Knochen aufgezehrt und als würde aus ihren Poren blutiger Schweiß triefen.[31]

Bei der Verarbeitung der Krise half ein spirituelles Erlebnis, das sie in ihrer seit jeher bestehenden Ablehnung der Sexualität bestärkte. In einer „open vision“ offenbarte sich ihr eine Szene, die Adam und Eva bei der Ausübung des Koitus zeigte und die sie sogleich mit Ekel und Abscheu erfüllte.[32] Die Funktion des Deuteengels übernahm Christus. Er erklärte, dass der Geschlechtsakt des ersten Menschenpaares die Ursache für das Leid in der Welt sei. Jede Art von  Geschlechtsverkehr sei ein Ungemach, besonders aber diejenige, die nicht um der Kindererzeugung willen, sondern ausschließlich zur Befriedigung der eigenen Lust, gut augustinisch, der Konkupiszenz,  diene.  Der Sündenfall Adams habe die reine Empfindung der Liebe durch die Sexualität korrumpiert.

Ann Lee wurde klar, dass die Ehe ihr persönlicher Sündenfall gewesen war, für den sie durch den Tod der Kinder von Gott bestraft worden war. Von nun an galt ihr die Sexualität erst recht als Wurzel allen Übels, als Ursache für Kriege, Krankheiten, Armut, Unterdrückung und Sklaverei, Ungleichheit der Geschlechter und überhaupt für alle menschliche Verderbnis schlechthin.[33]  Die Sexualität war es, die Augen und Ohren  vor alledem verschloss, was es sonst noch an Schönem in der Welt gab, die die Sinne des Menschen für alle anderen Objekte in Zeit oder Ewigkeit  betäubte und ihn schließlich vollkommen aufsaugte und zu ihrem Sklaven herabwürdigte.  Nur radikaler Verzicht und zölibatäres Leben konnten Änderung  bringen, sofern sie zugleich mit einem rückhaltlosen Bekenntnis aller Sünden verbunden waren.  Ann Lee hatte das alte christliche Evangelium des Enkratismus wiederentdeckt, zu dessen Verbreitung sie sich persönlich durch Christus berufen fühlte.

Wie sehr sich die respektablen und vor dem Hintergrund ihrer Biographie durchaus nachvollziehbaren Überzeugungen später zu starrem Dogmatismus verfestigt hatten, zeigt ein Beispiel aus der Zeit in Amerika. Als eine Frau mit fünf Kindern sie angesichts ihrer wirtschaftlichen Misere um Rat und Tat und Hilfe bat, soll die Antwort sehr ungewöhnlich ausgefallen sein: „Fünf, fünf!“ soll Ann Lee laut ausgerufen haben. Warum sie nicht nach dem ersten Kind erst einmal gewartet habe, um zu sehen, ob sie überhaupt in der Lage sei, ein weiteres Kind in die Welt zu setzen. Warum sie nicht wenigstens mit Kinderkriegen aufgehört habe, als das zweite bekam.  Ob sie sich nicht schäme, in den schändlichen Werken des Fleisches zu wandeln. So möge sie ihr Kreuz auf sich nehmen und sich an die Arbeit begeben, ihre Kinder kleiden und sie und ihr Haus sauber und anständig halten…

Das Gespräch verlief ergebnislos. Die Schimpftirade kam ohnehin zu spät und wird dem armen Weib kaum viel weiter geholfen haben. Ob dabei versteckte Eifersucht auf die Frau mit fünf gesunden Kinder im Spiel gewesen sein könnte – wie Francis vermutet – wer weiß?[34]

Dass Ann Lees Einstellung zur Sexualität mit ihren deprimierenden persönlichen Erfahrungen zu tun hatten, braucht vor dem angedeuteten biographischen Hintergrund nicht weiter ausgeführt zu werden. Dass diese Einstellung bei der fromm erzogenen Ann von Anfang auch an eine  religiöse Dimension hatte, ist ebenfalls klar.  Allerdings sollten sich die religiösen Momente bei der Begründung ihrer Einstellung  mit zunehmendem Alter immer weiter ausdifferenzieren und schließlich zu einem recht komplexen dogmatischen System verdichten.

Der erste Anstoß dazu ergab sich vermutlich durch die Bekanntschaft mit dem Ehepaar Jane und James Wardley und der 1747 von ihnen in Anns Heimatstadt Manchester gegründeten „United Society of Believers in Christ’s Second Appearing“, deren Mitgleider auch als Alethianer (alētheia = gr. Wahrheit) bezeichnet wurden. Dabei handelte es sich um einen Zweig der gut hundert Jahre zuvor von George Fox begründeten Quäker, der später den Namen Shaker erhielt.  Von den Shaking Quakers ist die Rede, was eigentliche eine Doppelung darstellt,  hat doch sowohl das quaking = „Zittern“ als auch das shaking = „sich Schütteln“ etwas mit den konvulsivischen Zuckungen der in diesen Zirkeln anzutreffenden, vom Geist erfüllten Charismatiker zu tun.  Der starke charismatische Einschlag der Shaker war zusätzlich durch den Einfluss der nach England geflüchteten französischen Camisarden zustandegekommen, bei denen das vom göttlichen Pneuma  veranlasste Zucken, Tanzen und Zungenreden geradezu epidemische Ausmaße angenommen hatte.

Tanz und geistbewirktes Gliederschütteln war denn auch die Hauptsache in den Shaker-Gottesdiensten. Man hat die Shaker manchmal mit den Therapeuten des Philo von Alexandrien verglichen, von denen in anderem Zusammenhang schon einmal die Rede war. Aber die Parallele trifft, wenn überhaupt,  nur für den späteren Shakerismus zu. Die Tänze der Therapeuten waren vermutlich ritualisiert, dagegen war das Tanzen bei den Shakern – dem charismatischen Wesen des Geistes, der „weht, wo er will“ entsprechend – eine spontane Aktion. Erst in späterer Zeit erfolgte auch hier eine stärkere Reglementierung und Choreographisierung.

Ebenso wie die Quäker waren auch die Shaker gegen das Schwören von Eiden sowie gegen Krieg und Sklaverei. Mit ihnen gemeinsam erwarteten sie  das baldige Ende der Welt und die Ankunft des 1000-jährigen Reiches. Allerdings entwickelten sich bei den Shakern darüber hinaus noch ein paar weitere charakteristische Lehrpunkte, die sie von den Quäkern unterschieden und die die deutliche Handschrift der Neueinsteigerin Ann Lee trugen. Man kann sie unter die drei C’s Celibacy, Zölibat, Confession, Bekenntnis, und Community of Interests,   Gütergemeinschaft,  zusammenfassen.

Der von der Gemeinschaft gebotene Verzicht auf Sexualität und Ehe war zweifellos das Hauptmerkmal der Shaker. Keiner gelangte ihrer Auffassung nach ins Himmelreich, der nicht zuvor den größten Stolperstein, d.h. das sexuelle Verlangen, aus dem Wege geräumt hatte. Die Ehe war eine Einrichtung des alten, unter der Herrschaft Satans stehenden Äons  und der Heiligen  der letzten Tage nicht würdig.

Den Einwand, dass ihre zölibatäre Forderung unweigerlich das Aussterben des ganzen Menschengeschlechts zur Folge haben müsste, ließen die Shaker nicht gelten. Gewöhnlich begegneten sie ihm mit dem Hinweis darauf, dass zu solcher Sorge derzeit nicht der geringste Anlass bestünde, da ja außer ihnen nur wenige Menschen über die Gabe der sexuellen Enthaltsamkeit verfügten. Abgesehen davon: Wer könne denn behaupten, dass das bisherige Weltmodell sich bewährt habe? Es sei gewiss nicht die schlechteste Idee, es irgendwann auslaufen zu lassen.  Im Anschluss an die schon oben ausgeführten Gedanken über den androgynen Urmenschen setzt man oft noch hinzu, dass die Aufspaltung des Menschen in Mann und Frau ohnedies bereits ein Abfall von Gottes ursprünglicher Schöpfung sei und nicht von Anbeginn existiert habe. [35]

Auf den ersten Blick könnte man den Shakerismus für einen Nachhall des Marcionitismus halten, als habe das alte Modell einer sexfreien christlichen Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern im Geiste in abgewandelter Form auch in der Neuzeit noch einmal Schule gemacht. Tatsächlich handelt es sich dabei um einen Rückgriff auf den frühchristlichem Enkratismus, der sich in den verschiedenen  christlichen Gruppierungen und Strömungen entwickelt und teilweise auch in den Schriften des Neuen Testaments niedergeschlagen hatte. Im Gegensatz zu den meisten frühchristlichen Enkratiten und Ehelosen fehlt hier jedoch ein für die Begründung der Sexualfeindlichkeit wesentliches Element: der Dualismus.  Der war seit dem Untergang des Katharismus aus der Geschichte des abendländischen Christentums mit Stumpf und Stil ausgerottet worden. Zwar galt auch weiterhin, dass der alte Äon unter der Herrschaft Satans stehe – nur  davon, dass zwischen dem höchsten Gott und dem Schöpfer der Welt und des Menschen ein Unterschied sei, war schon lange keine Rede mehr. So tief hatte sich der erste Glaubensartikel an den einen Herrn und „Schöpfer Himmels und der Erden” in das abendländische Bewusstsein eingebrannt, dass selbst den späteren christlichen dissentern die Erinnerung daran abhanden gekommen war.

In der Realität werden sich die Bilder der ehelosen Gesellschaften –   abgesehen von dem kulturellen und zeitlichen Gefälle zwischen Antike und Neuzeit – nicht ganz unähnlich gewesen sein. Wer sich vorstellen möchte, wie ein Gesellschaftsmodell, das auf Abschaffung der Ehe und dem Verbot von Sexualität basiert, funktioniert oder wie etwa die zwischenmenschlichen Beziehungen in den marcionitischen Gemeinden oder in den frühchristlichen „Josephsehen“ ausgesehen haben könnten und dafür zeitlich näher liegendes Anschauungsmaterial benötigt,  kann aus dem Studium des Shakerismus sicherlich lernen.

Der Verzicht auf Sexualität verband sich bei den Shakern mit der Forderung nach einer grundsätzlichen Gleichheit der Geschlechter.  In den Shakergemeinden war weder „Mann noch Frau“ (Gal 3:28). Das war aber weniger Verwirklichung  urchristlicher Ideale als Reflex der Lehre vom doppelgeschlechtliche Urmenschen und der Sophia, die offenbar durch einige Umwege in den Shaker-Gemeinden und bei Ann Lee angekommen war. Da jeder ehelos lebende Shaker, gleichgültig ob Mann oder Frau, sozusagen ein Abglanz des nach dem Fall wiederhergestellten androgynen und jungfräulichen Urmenschen war,  ergab sich daraus die Folgerung einer Gleichheit und Gleichberechtigung beider Geschlechter. Auch das mann-weibliche Gottesbild der Shaker gehört in diesen Zusammenhang.  Nach Christian Becksvroort ist „der Glaube, dass Gott sowohl Mutter als auch Vater sei,  die theologische Grundlage für die Überzeugung der Shaker von der grundsätzlichen Gleichheit der Geschlechter. Sie hat wichtige Implikationen für die Organisationsstruktur, in der sowohl männliche wie weibliche Repräsentanten eine Schlüsselrolle spielen.“[36]

Aus der ehemaligen Textilarbeiterin und Krankenhausköchin war die weibliche Inkarnation Gottes, die „Wahrheit“,  geworden.

Ein weiterer, von Ann Lee ins Spiel gebrachter, ebenso konsequenter wie kühner Gedanke war der, dass der Erlösungsprozess noch gar nicht zu seinem Abschluss gekommen sei, weil sich Gott bis dato nur in einem Mann, d.h. in Jesus, inkarniert habe. Da Gott jedoch sowohl männlich als auch weiblich gedacht werden müsse, stehe die second appearing of Christ in einer Frau noch aus.  Diese Frau sei nun aber keine andere als – Ann Lee selber. Es ist nicht ganz klar, ob der Anspruch von Ann Lee stammte oder ihr erst von ihren Anhängern untergeschoben wurde. Wie auch immer, eine wunderbare Metamorphose hatte stattgefunden: Aus der ehemaligen Textilarbeiterin und Krankenhausköchin war die weibliche Inkarnation Gottes, die „Wahrheit“,  geworden.

Doch warum nicht? Hatte sich der Herr nicht bereits beim ersten Mal, als es darum ging, sich der Menschheit als Mann zu offenbaren,  ebenfalls für einen ganz unspektakulären Beruf, nämlich den des Bauhandwerkers, entschieden?  Derselbe Christusgeist, der damals bei der Taufe im Jordan von Jesus Besitz ergriff, soll nun auch in der Lee präsent gewesen sein und der Welt Gottes weibliches Gesicht offenbart haben. Lee bezeichnete ihr Verhältnis zu Christus als eine Ehe, Christus selber als ihren  „husband“ und „lover“.[37]  Auch die schon oft zitierte Stelle aus der Apokalypse, die von dem mit der Sonne bekleideten, gebärenden Weib spricht, bezog sie auf sich – ebenso wie schon die Bourignon und Lady Jane vor ihr die Stelle auf sich bezogen hatten.

Freilich war sie dann doch  bescheiden genug, sich lediglich als die „erste von vielen Schwestern“ zu betrachten. Den anderen wohnte – zumindest theoretisch – der Christusgeist ebenso inne wie ihr, sofern sie das Kreuz der Ehelosigkeit und des radikalen sexuellen Verzichts auf sich genommen hatten.

Dass jemand, der vor seinen Anhängern glaubhaft als Gottes weibliche Inkarnation auftreten wollte, eine gewisse natürliche Autorität besessen haben musste, versteht sich von selbst. Die Lee sprach,  wie Zeitzeugen  bestätigen „as one having authority“, also auch hier, wie ihr männlicher Vorgänger, „mit  Vollmacht“.[38] In der Krankenhausküche von Manchester allein hatte sie das sicher nicht gelernt. Es muss ihr wohl im Blut gelegen haben. Die scharfen Züge ihres Profils sprechen für sich

Ann Lee, die gerne den Ausspruch des Paulus übernahm: „Nicht ich rede, sondern Christus spricht in mir”, musste sich fragen lassen, wie sie es denn als Prophetin und Gemeindeleiterin mit dem anderen bekannten Apostelwort hielt, wonach das Weib in der Gemeinde zu schweigen habe. Sie und ihre Anhänger erklärten dann sehr schlüssig, dass das Verbot des Paulus sich nur auf solche Frauen bezogen habe, die in der Ehe lebten und daher gar nicht im Vollbesitz jenes Geistes waren, der sie zur rechten Prophetie hätte legitimieren können.[39]

Im Übrigen bekümmerten sich die Shaker als echte Charismatiker auch nur wenig um solche Widersprüche, da es ihnen nicht um den toten Buchstaben, sondern um den in der Gemeinde wirkenden Geist zu tun war.  Von der Prophetin Antoinette Bourignon wissen wir, dass sie nur einen flüchtigen Blick in die Bibel benötigte, um zu wissen, dass darin nichts stand, was ihr nicht zuvor durch den Geist offenbart worden war. Ann Lee war noch nicht einmal imstande, die Bibel zu lesen.

Der Gedanke einer Community of Interests, also einer Gütergemeinschaft, basierte ebenfalls auf einem frühchristlichen Ideal, dem des gemeinschaftlichen Eigentums oder des urchristlichen Kommunismus. Shaker beriefen sich dafür auf das Zeugnis der Apostelgeschichte. Nach den Worten ihres Verfassers soll in der frühen  christlichen Gemeinde „allen alles gemeinsam“ gewesen sein (Apg 4:32). Privater Besitz galt den Shakern ebenso wie die Sexualität als Übel und wurde in ihren Gemeinden nicht geduldet.  Eine Gruppe von Ältesten, Männern  und Frauen, wachte streng über die Einhaltung des Verbots. Neuanschaffungen betrafen immer die ganze Gemeinschaft und konnten nur in Absprache mit der Gemeindeleitung erworben werden.

Verständlicherweise ist der Versuch des Aufbaus einer Organisation, die auf kommunistischen Idealen beruht, bei den kommunistischen Denkern des 19. Jahrhunderts auf großes Interesse gestoßen. Friedrich Engels hat den Shakergemeinden seine Bewunderung nicht versagt und fand dafür lobende Worte – „abgesehen vom religiösen Humbug.“

Dazu hätte in seiner Sicht zweifellos auch noch das dritte und letzte C gehört, die Confession, das öffentliche Bekenntnis. Dass ein vor der Gemeinde von Brüdern und Schwestern – zumeist unter Tränen – vorgebrachtes Sündenbekenntnis psychische Erleichterung verschaffen und den Geist klären kann, gehörte offenbar zu Ann Lees religiösen Urerfahrungen. Sie selber gesteht einmal, dass sie ihre Verfehlungen am liebsten vor der ganzen Welt bekannt hätte. Daraus ergab sich, dass sie besonders viel Wert auf die Einrichtung der Confession legte, die uns in seiner bei den Shakern geübten, penetrant exzessiven Form aus heutiger Sicht fast noch exotischer erscheinen will als der Verzicht auf Sexualität.

Die Shakergemeinden waren von Anfang an Verfolgungen ausgesetzt. Auch Ann Lee verbrachte viel Zeit ihres Lebens im  Gefängnis. Die Umwelt brachte nur wenig Verständnis für die Eigenheiten ihrer Sekte auf, zumal für ihre turbulenten und lauten Gottesdienste, in denen nicht nur getanzt und geschüttelt wurde, sondern auch Zungenredner auftraten und gemäß dem Wort des Apostels, den Geist nicht zu dämpfen, bunt durcheinander brüllten, schnalzten, wieherten, meckerten, krähten  oder schrieen. Anwohner fühlten sich in ihrer Sonntagsruhe gestört und beargwöhnten die Sekte und deren Treiben, in dem sie gefährlichen dämonischen Spuk zu erkennen meinten. Immer wieder kam es zu Übergriffen. Ein Versuch, Ann Lee zu steinigen, scheiterte jedoch  – wegen ihrer außerordentlichen charismatischen Kräfte und Fähigkeiten, wie ihre Anhänger glaubten.[40] In den Augen ihrer Umwelt galt sie als Hexe.[41]

Ann Lees Tree of Life
Hannah Cohoon, Tree of Life or Blazing Tree, 1845

Als Ausweg bot sich die Auswanderung nach Amerika an. Gemäß einer Vision, die Ann Lee zuvor empfangen hatte – sie sah einen großen Baum mit Blättern, den neu zu gründenden Gemeinden – machte sie sich mit 8 Anhängern 1774 auf die Seereise in das Gelobte Land, um dort mit dem Aufbau ihrer Kirche zu beginnen.

Dem Kapitän des Schiffes war das Gebaren seiner Passagiere mit ihren turbulenten Versammlungen,  von Anfang an suspekt. Gerade war er dabei den nervtötenden Spuk zu unterbinden, als ein Sturm aufkam und eine Planke des Schiffes  fortriss, so dass Wasser einströmte und das Schiff zu sinken drohte. „Mother Ann“, die soeben eine Vision mit zwei am Mast des Schiffes stehenden Engeln gehabt hatte, soll jedoch dem Kapitän und der Mannschaft Mut zugesprochen und wunderbare Rettung verheißen haben. Das angekündigte Wunder ereignete sich nur wenig später: Eine Welle spülte die verlorengegangene Planke wieder an, das Leck schloss sich, der Sturm ließ nach und die Reise nach Amerika konnte fortgesetzt werden. Fortan durften die Shaker wieder Lärm machen, diesmal sogar mit ausdrücklicher Billigung des Kapitäns.

In Amerika angekommen, begann man im Bundesstaat New York mit der Missionsarbeit und der Neugründung von Gemeinden.  Abseits der sündigen Städte ging man daran, Siedlungen zu errichten. Einzelne Dörfer bestanden aus jeweils drei „Familien“ zu 30 bis 100 Personen. Kinder wurden adoptiert und bei Volljährigkeit vor die Wahl gestellt, zu bleiben oder die Gemeinschaft zu verlassen.

Die Aufbauarbeit ging  jedoch mühsam voran und wurde immer wieder durch Verfolgungen und Repressionen behindert. Eine feindliche und misstrauische Umwelt bedachte die Sekte und ihre Anhänger mit zahlreichen Diffamierungen und haltlosen Vorwürfen. Der nichtöffentliche Charakter ihrer gottesdienstlichen Verdammlungen reizte die Phantasie der Zeitgenossen offenbar zu allerlei abstrusen Vorstellungen, z.B. zu der Behauptung, sie würden auf ihren Versammlungen nackt tanzen oder sexuelle Orgien feiern.

Gleichwohl breitete sich die Gemeinschaft  immer weiter aus, bis sie im 19. Jahrhundert mit 6000 Mitgliedern ihren Zenit erreichte. Seitdem war ihr Stern im Sinken. Gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts löste sich die Gemeinschaft offiziell auf.

Anders als der deutsche Radikalpietist Gichtel, der sich mehr für den „heiligen Müßiggang“ erwärmte, betonten die Shaker die Notwendigkeit geregelter Arbeit. Der Tag war gut durchstrukturiert. Es herrschte ein strenges Reglement. Aufgestanden wurde in aller Herrgottsfrühe, die Abende waren der geistlichen Erbauung  und dem Tanz gewidmet. Man ist „industriell und fleißig: Müßiggang wird nicht geduldet.“[42]

Die soliden Möbel wurden Markenzeichen der Shaker.  Jeder Schnickschnack wurde abgelehnt. Man setzte auf die schnörkellose, zeitlose Form, die den frommen Männer und Frauen von allen als die gottgefälligste erschien.

Außer dem schon erwähnten und zitierten Friedrich Engels gab es im 19. Jahrhundert noch einen weiteren Bewunderer, den Philosophen Arthur Schopenhauer.  In seinem Hauptwerk: Die Welt als Wille und Vorstellung spricht er davon, wie sich aus dem „Schooß des Protestantismus, der wesentlich asketische und enkratistische Geist des Christenthums … wieder Luft gemacht“ habe. Die Shaker Nordamerikas sind ihm ein „in solcher Größe und Bestimmtheit vielleicht nie zuvor dagewesenen Phänomen.“ Bei der Beschreibung der Sekte gerät der sonst so nüchterne, ehelose Philosoph ordentlich ins Schwärmen. „Der Grundzug ihrer religiösen Lebensregel“, so Schopenhauer, „ist Ehelosigkeit und gänzliche Enthaltsamkeit von aller Geschlechtsbefriedigung. Diese Regel wird, wie selbst die sonst auf alle Weise sie verhöhnenden und verspottenden Englischen und Nordamerikanischen Besucher einmüthig zugeben, streng und mit vollkommener Redlichkeit befolgt.“ Die Shaker werden für Schopenhauer zum leuchtenden Bespiel einer Gemeinschaft, die den Willen zum Leben verleugnet hat. Besonders lobt der lärmempfindliche Philosoph, dass in den Shaker-Dörfern kein „unnöthiges Geräusch“ wie „Schreien, Thürenwerfen, Peitschenknallen, starkes Klopfen“ usw. geduldet wird.

Letzteres mag an den Alltagen der Shaker die Regel gewesen sein. An den Feiertagen mit ihren tumultuarischen gottesdienstlichen Versammlungen gewiss nicht. Im Gegenteil, „noisy worship meetings“ und öffentliche Ruhestörung waren ja die gegen die Sekte erhobenen Hauptanklagepunkte. Sicher hätte der streitbare Philosoph, dem die segensreiche und sehr empfehlenswerte Erfindung der Ohrstöpsel, Oropax genannt, noch unbekannt war, in dem Falle, dass er in unmittelbarer Nähe seiner Lieblinge gewohnt hätte,  keinen Moment gezögert, selber Anzeige zu erstatten.

Was die strenge Beachtung der zölibatären Regel bei den Shakern anbelangt, die „streng und mit vollkommener Redlichkeit befolgt“ worden sein soll, so sind wir auch da nicht ganz so sicher wie Schopenhauer.[43] Eine rigide Sektendisziplin sorgte gewiss dafür, dass unliebsame Ausnahmen von der Regel nicht so leicht nach außen drangen. Doch dass die heilige Ruhe der reinlichen Räume bisweilen durch lüsterne Blicke und anzügliche Bemerkungen gestört wurde, denen vergebliche Gebete, hastige Umarmungen und bittere Tränen der Reue folgten, wer wollte das ausschließen? An der redlichen Absicht der alten Shaker, eine bemerkenswerte Utopie zu realisieren, würde das natürlich nichts ändern. Der Geist war unzweifelhaft willig.

Anmerkungen

[1] Jakob Böhme: Mysterium Magnum oder Erklärung über das erste Buch Mosis, 18. Kapitel.

[2] Arnold, Gottfried: Das Geheimniß Der Göttlichen Sophia oder Weißsheit, Leipzig: Fritsch 1700, S. 80 f.

[3] Breul, Wolfgang: „Ehe und Sexualität im radikalen Pietismus“, in: Breul, Wolfgang (Hrsg.): Der radikale Pietismus, Bd. 55, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2011 (Arbeiten zur Geschichte des Pietismus), S. 406.

[4] Zitiert nach Schering, Ernst: „Adam und die Schlange“, in: ZfRGG 10 (1958), S. 114.

[5] Linde, Antonius der: Antoinette Bourignon, Das Licht der Welt, Leiden 1895, S. 6.

[6] Vgl. Schering, a.a.O. S. 101f.

[7] Das entspricht früher Vätertheologie. Auch für Gregor war „Adams physischer Körper (…) unvorstellbar anders (…) als der unsere. Er war ein treues Abbild einer Seele gewesen, welche selbst die völlig ungeteilte, unberührte Einfachheit Got-tes widerspiegelte“; für Origenes und Hieronymus war die Entstehung  der Geschlechter ein Ergebnis des Sündenfalls. vgl. Brown, Peter Robert Lamont: Die Keuschheit der Engel: Sexuelle Entsagung Askese und Körperlichkeit im frühen Christentum, München: dtv 1994, 304 f.

[8] Zitiert nach Mack, Phyllis: „Die Prophetin als Mutter: Antoinette Bourignon“, in: Lehmann, Hartmut (Hrsg.): Im Zeichen der Krise Religiosität im Europa des 17. Jahrhunderts, Bd. 152, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1999 (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte), S. 85.

[9] Linde, a.a.O. S. 1f.

[10] Linde, a.a.O. S.  9.

[11] Mack, a.a.O. S. 80.

[12] Schering, a.a.O. S. 110.

[13] Zitiert nach Schering, a.a.O. S. 109.

[14] Mack, a.a.O. S. 82.

[15] Mack, a.a.O. S. 79.

[16] Linde, a.a.O. S. 6.

[17] {Mack , a.a.O. S. 86.

[18] Schering, a.a.O. S. 122.

[19] Mack, a.a.O. 95.

[20] Mack, a.a.O. S. 94.

[21] Schering, a.a.O. S. 122.

[22] Hochhuth, Karl Wilhelm Hermann: „Geschichte und Entwicklung der philadelphischen Gemeinden“, in: Zeitschrift für historische Theologie 35 (1865), S. 181.

[23] Hochhuth, a.a.O. S. 183.

[24] Zitiert nach Hochhuth, a.a.O. S. 184.

[25] Zitiert nach Hochhuth, a.a.O. S. 185.

[26] Hochhuth, a.a.O. S. 186.

[27] Temme, Willi: Krise der Leiblichkeit: Die Sozietät der Mutter Eva (Buttlarsche Rotte) und der radikale Pietismus um 1700: Zugl.: Marburg, Univ., Diss., 1996/97, Bd. 35, Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 1998 (Arbeiten zur Geschichte des Pietismus), S. 345.

[28] Temme, a.a.O. S. 345.

[29] Vgl. Matthews, Caitlin: Sophia, goddess of wisdom, bride of God, 1st Quest ed. Aufl., Wheaton Ill.: Quest Books Theosophical Pub. House 2001, S. 279 f.

[30]Hirst, Julie: Jane Leade: Biography of a seventeenth-century mystic, Aldershot, Hants, England: Ashgate Pub 2006, S. 141: „Knowlegde of Boehme had passed from the Philadelphians to the Camisards and then to the Shakers and Ann Lee  by 1758“.

[31] Evans, F. W. und J. P. MacLean: Ann Lee (the founder of the Shakers), a biography: With memoirs of William Lee, James Whittaker, J. Hocknell, J. Meacham, and Lucy Wright, also a compendium of the origin, history, principles, rules and regulations, government, and doctrines of the United Society of Believers in Christ’s Second Appearing, 4th ed. Aufl., London , Mount Lebanon N.Y.: J. Burns Progressive Library and F.W. Evans 1869, S. 124.

[32] Foster, Lawrence: Religion and sexuality: Three American communal experiments of the nineteenth century, New York, Oxford: Oxford University Press 1981, S. 22.

[33] Bunner, Kelly: With Hands to Work and Hearts to God The Legacy of Mother Ann Lee 2005.

[34] Francis, Richard: Ann the Word: The story of Ann Lee, female messiah, mother of the Shakers, the woman clothed with the sun, 1. U.S. ed Aufl., New York: Arcade Pub 2001.

[35] White, Anna und Leila S. Taylor: Shakerism, its meaning and message: Embracing an historical account, statement of belief and spiritual experience of the church from its rise to the present day, Columbus O.: Press of F. J. Heer 1904, S. 281.

[36] Becksvoort, Christian: The Shaker Legacy: Perspectives on an Enduring Furniture Style: Perspectives on an Enduring Furniture Style, Taunton Press Inc 2000, S. 35:  “The belief that God is both mother and father is the theological basis for the Shaker belief in the basic equality of the sexes and has important implications for Shaker organizational structure, which required male and female representatives in key roles.”

[37] She described her relationship to Christ as a marriage, even describing him as her “husband” and “lover”

[38] Evans, a.a.O. S. 212.

[39] Foster, a.a.O. S. 38.

[40] Evans, a.a.O. S. 135f.

[41] Evans, a.a.O. iv.

[42] Schopenhauer, Arthur: Parerga und Paralipomena, Bd. 2, Zürich: Haffmans Verlag 1988 (Arthur Schopenhauers Werke in fünf Bänden, Neuedition nach der Erstauflage von 1851), Bd. 4, S. 734.

[43] Schopenhauer, a.a.O. Bd. 4, S. 734.

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