Die Hymnen der Mägdlein

Veröffentlicht in: Achse des Guten

Die Zeitläufte sind rauer geworden und für Belletristik bleibt daher kaum noch Muße. Und schon gar nicht für so altmodisches Zeug wie Homer oder Vergil. Sollte man meinen. Und doch habe ich am letzten Wochenende an die beiden gedacht. Das war, als ich die Bilder vom Empfang der Flüchtlinge auf dem Frankfurter Hauptbahnhof sah. Auf einem dieser Fotos standen freundlich lächelnde, junge Mädchen mit einem selbstgefertigten Transparent in ihren Händen. Unmöglich, sich dem Charme der Drei zu entziehen. „Refugees Welcome“ war auf dem Plakat zu lesen. Liebevoll und in Eigenarbeit, vermutlich noch ganz eilig und spontan vor der Ankunft des Zuges in Frankfurt von den Freundinnen angefertigt. Alles mit buntem Filzer, links eine knallgelbe Sonne, zwei Herzen, ein blutrotes und ein himmelblaues, ein Smiley und dazwischen bunte Blümchen, so wie man das eben in dem Alter macht, wenn man Sympathie bekunden will. Es fehlte nur noch ein wenig Glitzer.

Das Bild ging als Musterbeispiel deutscher Willkommenskultur durch die Medien. Die Botschaft für uns und für die Welt war klar: Seht, so freundlich empfängt das bunte Deutschland, Helldeutschland also, seine Flüchtlinge.

Nett. Aber was hat das Ganze mit Homer und Vergil zu tun? Auch auf die Gefahr hin, einen unangenehmen Misston in die freudig aufgeregte Willkommensfeier zu bringen oder als dunkeldeutscher Stimmungstöter zu gelten, möchte ich die Assoziation, die mir dabei eigentümlich in den Sinn kam, nicht unterdrücken. Denn wofür hat man sich schließlich jahrzehntelang mit dem ganzen abendländischen Bildungskram herumgequält, wenn man am Ende noch nicht einmal darüber sprechen darf?

Also, kennen Sie die Geschichte mit dem Trojanischen Pferd? Das war doch… genau! Die Sache mit dem großen, hölzernen Pferd, das der listenreiche Odysseus nach jahrelanger, erfolgloser Belagerung der Stadt Troja bauen ließ und bis oben mit griechischen Soldaten füllte. Beim Abzug der Griechen ließ er es auf dem Strand zurück, damit die Trojaner – der Begriff Trojaner dürfte inzwischen hinlänglich bekannt sein – es in die Mauern ihrer Stadt holten. Was sie auch taten. Dummerweise, denn damit war das Ende der Stadt so gut wie besiegelt. Was in den Jahren davor nicht gelungen war, geschah nun in einer einzigen Nacht. Die Soldaten kletterten aus ihrem hölzernen Gaul, öffneten die Tore für die zurückgekehrten Griechen – und Troja brannte.

Als erster Dichter des Abendlandes hat der griechische Homer die Story erzählt und der römische Dichter Vergil, „Vater des Abendlandes“, wie Theodor Haecker ihn genannt hat, hat sie in seinem Epos, der Äneis, für den lateinischen Leser rezipiert. Im zweiten Buch schildert er auf seine Weise die Szene vom feierlichen Einzug des Pferdes in Troja:

… Knaben und unvermählte Mägdlein
singen Hymnen und fassen voll Freude ans Seil mit den Händen.
Anrückt das Ross und gleitet nun drohend mitten zum Stadtkern.
Vaterland, Ilium, Haus der Götter, kriegesberühmte
Festung der Dardaner! – viermal blieb es genau auf der Schwelle
hängen der Pforte, und viermal klirrten im Bauche die Waffen:
dennoch drängen wir sinnlos und blind vor wütendem Eifer,
bringen das Unheilsuntier hinauf zur heiligen Stadtburg.
Jetzt noch öffnet Kassandra den Mund, zu künden das Schicksal;
aber die Teukrer glaubten ihr nie; so wollte der Gott es
(Vergil, Aeneis 2, 235ff. Übersetzung von Johannes Götte)

Ich vermute, dass nicht jeder Leser gerade seinen Vergil oder einen Vergilkommentar zur Hand hat; daher sei noch angemerkt: Ilium meint die Stadt Troja, in den Dardanellen gelegen (Festung der Dardaner). Teukrer sind die nach dem ersten König Teukros benannten Trojaner. Kassandra galt in der Stadt als Wahrsagerin und Prophetin, die vor dem trojanischen Pferd warnte. Weil das nicht gut ankam, erklärten ihre Zeitgenossen sie kurzerhand zum hysterischen Weib. Darüber zu sprechen wäre in heutigen Zeiten ein ganz eigenes Thema.

Ich hoffe, dass es wohlwollende Leser gibt, die die unschuldige Assoziation, die sich mir beim Anblick des weiblichen Empfangskomitees auf dem Frankfurter Hauptbahnhof aufdrängte, nicht gleich als völlig gegenstandslos vom Tisch fegen. Die Mädels dumme Gören? Die Ankömmlinge Dschihadisten unter der Maske von Asylanten? Aber wer wird denn gleich?

OK, aber wenn unter denen, die da kommen, auch nur ein paar solcher wären, die uns vom IS angekündigt wurden: Wer könnte sie erkennen? Wo sind sie geblieben, all die heißblütigen Männer, die auf den Bahnhöfen in Ungarn ihr „Germany, Germany, Allahu Akbar“ skandierten? Hat nicht der IS angekündigt, Europa in den nächsten Monaten mit 4000 oder noch mehr Dschihadisten zu fluten?

Mein alter Lateinlehrer kommt mir in den Sinn, sein Gerede von den Menschheitsmythen, von dem, was niemals war und immer ist? Könnte er irgendwie recht gehabt haben?

Doch das sind, wie gesagt, müßige Gedanken, und es ist eigentlich auch gar nicht mehr die Zeit, sich noch mit schöner Literatur zu beschäftigen und sich ebensolchen Gedanken hinzugeben. Was wir jetzt benötigen sind vermutlich eher Handbücher mit konkreten Anweisungen und Gebrauchsanleitungen. Zum Beispiel dafür, die Brände zu löschen, die jetzt und in Zukunft vermutlich zu unserem Alltag gehören werden.

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1 Kommentar

  1. Sehr geehrter Herr Doktor,

    Ihre genehmigung vorausgesetzt, werde ich mir erlauben, diesen ausgezeichneten Artikel zum Jahrestag seines Erscheinens auf meinem Blog zu verlinken.

    Danke, daß Sie die Probleme am Beispiel Trojas so treffend (leider, muß man mittlerweile dazu sagen!) auf den Punkt brachten …

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